Aus gegebenem Anlass: Gedanken zum Muttertag
Morgen ist Muttertag. Dieser, im wesentlichen von den Blumenhändlern initiierte, Feiertag löst bei mir schon sein frühester Jugend einen Brechreiz aus. Warum? Lest hier weiter!
Ich gestehe, nicht immer war ich dem Muttertag gegebüber so ungnädig. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich etwa 8 oder 9 Jahre alt, als ich dem allgemeinen Druck meines sozialen Umfeldes (Klassenkameraden, Spielfreunde, Lehrer) erlag und den ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter "Bitte schenke mir nichts zum Muttertag!" missachtete. Ich kaufte ihr bei Tschibo einen Armreif aus Messing, der mit Blümchen auf einer Keramiklasur verziert war. Nichts wirklich spektakuläres, aber auch nicht wirklich häßlich, zumindest entsprach es meiner damaligen Vorstellung eines Geschenks für die Mutter ziemlich genau. Ich war nicht sehr erstaunt, so überhaupt keine Freude damit auszulösen. Schließlich war seit dem Kindergarten, aus dem ich ein gebasteltes Körbchen zum Muttertag mitbrachte, das Thema aktuell. Auf kindgerechte Weise hat mir meine Mutter erklärt, warum Sie den Muttertag ablehnte. Und das hatte ich mit dem Armreif ignoriert. Der eigentliche Beweggrund der Ablehnung wurde mir erst im Laufe der Jahre deutlicher.
Warum meine Mutter "ihren" Ehrentag so vehement ablehnte und diese ablehnende Haltung bis heute, zum Teil mit einer ausgesprochenen Galligkeit, verteidigt? Es ist nicht die Komerzialisierung des liebevollen Gedankens, obwohl das eigentlich schon Grund genug ist. Es ist die Tatsache, dass dieses liebevolle Denken an die eigene Mutter so planbar auf genau einen Tag reduziert wird. "Denkst Du nur einmal im Jahr an mich, brauchst Du gar nicht an mich zu denken!", war ihre Erklärung für die Ablehnung.
Das konnte ich bereits als Jugendlicher verstehen und akzeptieren. Ich lasse mir nur ungern unterstellen, dass diese Sichtweise für mich ja recht angenehm sei, müsse ich mir doch um den Muttertag keine Gedanken machen. Stimmt! Ich mache mir ausdrücklich am Muttertag nicht mehr und nicht weniger Gedanken um meine Mutter, als ich es den Rest des Jahres tue.
Im Laufe der Jahre ist mir aber um den Muttertag herum noch einiges mehr aufgefallen. Menschen, die Ihre Mütter so explizit am Muttertag lieb haben, führen weitestgehend eine Familientradition fort, in der die Erwartung der Mutter an das Kind weitergegeben wird, den Muttertag zu zelebrieren. Im Kleinkindesalter beginnt die Indoktrination, es werden kleine Bilder gemalt oder Sachen gebastelt. Tatsächlich fühlen sich vermeintlich aufgeklärte und emanzipierte Mütter der heutigen Zeit immer noch wohl, wenn ihnen an diesem zweiten Sonntag im Mai eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. "Ja, Du hast eigentlich Recht, aber eigentlich ist es doch ganz schön!", ist eine Orginalaussage aus dem Freundeskreis. Huh! *schüttel* Über die Sinnhaftigkeit von "eigentlich" und der "eigentlichen" Aussage in Verbindung mit "eigentlich" will ich hier jetzt gar nichts sagen.
Und genau hier steckt mein Problem mit dem Muttertag. Mütter, erzieht Eure Kinder nicht, sich zur Dankbarkeit gegenüber Euch verpflichtet zu fühlen. Es reicht, wenn die Kinder die Dankbarkeit von alleine Entdecken und äußern. Die wird dann ehrlich und von Herzen sein. Alles andere, traditionalisierte, jetzt noch schöne und heimelige, wird im Laufe der Jahre zu einer lästigen Pflicht. Das war gut zu Beobachten neulich im mit Muttertagsblumen (zu horrenden Preisen) erstickten Supermarkt, in dem sich ein Pärchen in der Warteschlange vor der Kasse darüber streitet, ob zuerst ihre und dann seine Mutter am Sonntag besucht wird, oder umgekehrt.
Ich apelliere an Euch, befreit Euch, aber insbesondere Eure Kinder von der Verpflichtung, schon in frühen Jahren dankbar sein zu müssen. Euren Müttern gegenüber seid da etwas großzügiger, wenn sie sich über Euren Besuch zum Muttertag freuen. Es ist eine andere Generation und der Versuch, aus dem Muttertagskaroussel herauszukommen, würde vermutlich Leid verursachen. Das soll nicht sein. Aber seid Euch im Klaren, was der Muttertag eigentlich bedeutet. Und gebt diese Hypothek bitte nicht an Eure Kinder weiter.
Ich ende diese Gedanken mit einem kleinen Gedicht zum Muttertag:
Ich danke Dir, Mutter, dass ich dieses Gedicht, dass Du am Muttertag 2001, also vor genau 10 Jahren geschrieben hast, hier verwenden durfte. Ich wünsche Dir einen schönen Abend und einen erholsamen Sonntag. Ich melde mich bei Dir.
Dein und Euer Jobst